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Ein „Nagelbrett" von Kurt Schwitters mit Worpsweder Geschichte

Das Münchener Auktionshaus Ketterer Kunst hat in seiner Winterauktion 2017 ein einzigartiges Werk des Dada-Künstlers Kurt Schwitters versteigert. Die von Schwitters „Merzzeichnung“ genannte Arbeit wurde aus einer Privatsammlung in Chicago eingeliefert, für 400 000 Euro aufgerufen  und schließlich für sagenhafte 587 500 Euro an den neuen unbekannten Besitzer veräußert. Die Geschichte dieses Werkes ist eng mit den bisher kaum erforschten Beziehungen von Schwitters nach Worpswede verknüpft. Mehr noch: Die Provenienzforscher des Auktionshauses haben sogar herausgefunden, dass die „Merzzeichnung" bei einem Besuch von Schwitters 1919 in Worpswede entstanden ist.
In dieser Zeit nach dem 1. Weltkrieg war Schwitters ein Künstler, der nach Orientierung suchte. 1918 hatte er nach kurzen Ausflügen in den Kubismus und Expressionismus in Berlin Kontakt zu Herwarth Walden und seiner Galerie „Der Sturm“ sowie zur Novembergruppe, deren Dadaismus ihn ansprach und zur „Merz-Kunst“ inspirierte. In dieser Nachkriegszeit studierte Schwitters in Hannover bis 1919 zwei Semester Architektur in Hannover und hat vermutlich darüber Kontakt zu dem seit 1915 in Worpswede ansässigen Bildhauer Bernhard Hoetger aufgenommen. Hoetger hatte für die Firma Bahlsen in Hannover 1916 und 1917 die nie realisierte TET-Stadt geplant, die wegen ihrer raumgreifenden Monumentalität dort für Diskussionen gesorgt haben muss. Kurt Schwitters besuchte 1919 mit anderen Künstlern Bernhard Hoetger auf seinem Brunnenhof, dem heutigen Diedrichshof, und schuf während dieses Besuches die jetzt versteigerte „Merzzeichnung“, bei der es sich in Wirklichkeit um eine Assemblage aus Karton, Papier, Holz, Draht, Nägel und Kreide in einer Größe von gerade mal 17,5 mal 14 mal 2,5 Zentimeter handelte.

Kurt Schwitters, Merzbild, 1919

Auch wenn Schwitters auf der Rückseite seiner kleinen Arbeit einen damals völlig illusionären Preis von 1000 Mark notierte – das Werk wechselte den Besitzer. Und zwar als Geschenk von Kurt Schwitters an seinen Worpsweder Kollegen Fritz Uphoff, der ihn immer wieder mit Malmitteln unterstützt hatte. Fritz Uphoff hat dieses Geschenk, das der frühen Merz-Phase entstammt und nach dem Urteil heutiger Sachverständiger als Zusammenspiel von Zeichnung und Objekt absolut einzigartig ist, weiter verschenkt. Zu einem bislang unbekannten Zeitpunkt wechselte das Kunstwerk zu Verwandten Uphoffs in den Niederlanden. Diese Pastorenfamilie behielt das kleine Objekt bis 1976. Es wurde dann über Sotheby’s an die in Genf und Paris ansässige Galerie Claude Givaudan verkauft. 1981 wechselte die Schwitters-Arbeit  in den Besitz der Galerie von Alice Adam, einer Spezialistin für die Kunst des deutschen Expressionismus, des Bauhauses und der Konstruktivisten in Chicago, die die Assemblage dann in eine dortige Privatsammlung verkaufte. Von dort ist das „Nagelbrettchen", wie die Arbeit von Schwitters in der Familie Uphoff scherzhaft genannt wurde, nun zu Ketterer nach München in die Auktion gekommen und dort von einem unbekannten Bieter ersteigert worden.  

(pg)