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Das neue Stenzig-Buch

"Das Märchen vom lieben Gott – Heinrich Vogelers Friedensappell an den Kaiser im Januar 1918"

Dieses Blutvergießen, dieser auf ein Lügengebirge aufgebaute Krieg – Heinrich Vogeler hat es im Januar 1918 nicht länger ausgehalten. Mit einem schriftlichen Friedensappell an den deutschen Kaiser wollte er dem Martyrium entgegentreten, wohl wissend, dass ihn dieser Brief das Leben kosten werde. Es kam bekanntlich anders – der in Märchenform gekleidete Appell des Worpsweder Künstlers ging als eine der berühmtesten deutschen Künstlerschriften des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Der Friedensbrief gilt bis heute als die mutige Tat eines großen Menschen – so hat es die Deutsche UNESCO-Kommission im September 2013 eingestuft.
100 Jahre nach diesem denkwürdigen Akt hat der Hamburger Literaturwissenschaftler und Vogeler-Kenner Dr. Bernd Stenzig die Vorgeschichte und die Folgen dieser mutigen Tat erneut in Buchform aufgearbeitet. „Das Märchen vom lieben Gott – Heinrich Vogelers Friedensappell an den Kaiser im Januar 1918" erschien im Bremer Donat Verlag, hat 120 Seiten und kostet 14,90 €.
Bernd Stenzig beschrieb die Geschichte des Kaiserbriefes schon 2014 in einer von den Freunden Worpswedes herausgegebenen umfangreichen Broschüre. In den vier Jahren seit dieser Veröffentlichung hat der Autor zahlreiche weitere Details herausgefunden, die die Vorgeschichte des schriftlichen Aufbegehrens, seine Folgen für Vogeler und die Rezeption seines Briefes verständlicher werden lassen. Obwohl – und das spricht Bernd Stenzig offen an – es gibt Ungereimtheiten, die so gar nicht zum Leben und zur gradlinigen Haltung Heinrich Vogelers passen wollen und die bis heute nicht schlüssig zu erklären sind.
Auch wenn Heinrich Vogeler im Januar 1918 während eines Heimaturlaubs mit dem Kaiserbrief auf die seit Dezember 1917 abgehaltenen Friedensverhandlungen mit Russland in Brest-Litowsk reagiert und die von ihm als verlogen erkannte Berufung der deutschen Militärs auf christliche Werte nicht länger stillschweigend hinnehmen will – den Widerspruch zwischen einem offiziell von den Deutschen propagierten Verteidigungskrieg und einem tatsächlichen Eroberungskrieg hat Vogeler schon 1916 schriftlich gebrandmarkt. Und auch im Frühjahr und November 1917 schreibt er seinem Vorgesetzten General von Gerok und dem Ordonnanzoffizier Harry Graf Kessler seine Kritik an der deutschen Kriegsführung, schickt diese Briefe jedoch nicht ab.

Autor Bernd Stenzig dokumentiert und untersucht alle Präludien, die Vogeler noch als überzeugten Christen, entschiedenen Monarchisten und reinen Idealisten ausweisen. Das tiefe Entsetzen über den grausigen Krieg kommt dabei nicht nur in dem Kaiserbrief zum Ausdruck, sondern auch in einem Schreiben, das Vogeler nur drei Tage später, am 23. Januar 1918, an seinen vorgesetzten Major zur Weiterleitung an die Oberste Heeresleitung und namentlich an deren Repräsentanten Hindenburg und Ludendorff richtet. Dieser im Buch leider nicht abgedruckte zweite Brief, den der jüngst verstorbene Berliner Vogeler-Experte Karl-Robert Schütze erst 1980 entdeckte, gleicht eher einer Collage von wütenden Gedankenfetzen als einem stringenten Protest, der in dem Satz gipfelt: „Hindenburg, Ludendorff, ihr Götzen, überwindet Eure Eitelkeit, Kokettiert (!) nicht mit dem lieben Gott, Demut, nieder auf die Knien und versucht die zehn Gebote zu leben.". Erich Ludendorf befiehlt die sofortige Erschießung Vogelers, nimmt diese Anordnung allerdings zurück, nachdem er erfahren hat, dass es sich bei dem Briefschreiber um einen bekannten Künstler handele.
Am 30. Januar 1918 wird Heinrich Vogeler ins Lazarett der Bremer Klinik St.-Jürgen-Straße gebracht, soll dort auf seinen Geisteszustand untersucht werden. Der Vogeler wohlgesonnene Klinikleiter Geheimrat Johann Stoevesandt kommt nach einem Monat zu dem Schluss, dass sein berühmter Patient wohl ein „manisch-depressiver Neuropath" sei. Die Entlassung aus dem Militär erfolgt am 19. April 1918, Vogeler wird unter Polizeiaufsicht gestellt. Diese Kontrollzeit beschreibt Bernd Stenzig anschaulich als die Zeit, in der Vogeler vom christlich geprägten Idealisten durch das Studium der Werke französischer Frühsozialisten und des Anarchisten Kropotkin zum Anhänger linker Ideologien wird.
Der Kaiserbrief mit dem Märchen vom lieben Gott wird auf Flugblättern in der Bremer Region verbreitet und nach der Veröffentlichung im April 1919 in der Vossischen Zeitung republikweit verbreitet. Bernd Stenzig beschreibt den politischen Weg Vogelers mit dem 1929 erfolgten Ausschluss aus der KPD und seiner heftigen Auseinandersetzung mit Wilhelm Pieck über die politische Ausrichtung der Roten Hilfe Deutschland bis ins Detail. Heinrich Vogeler siedelt 1931 in die Sowjetunion über, und auch dort spielt fortan der Kaiserbrief als „Gesinnungsbeleg" für das Überleben Vogelers eine sehr wichtige Rolle. In der Rezeption spielt die monarchistisch-christliche Haltung Vogelers aus den Januartagen 1918  allerdings erstaunlicherweise keine Rolle. Zwar scheitern alle Versuche des Künstlers, wieder in die KPD oder in die KPdSU aufgenommen zu werden, aber auch die grausamen stalinistischen Säuberungen übersteht der einstige Rechtsabweichler und Funktionär der Brandlerschen und Thalheimerschen KPD-Opposition schadlos. Warum Heinrich Vogeler trotz seiner massiven Kritik an der KPD und ihrer Sozialfaschismus-These verschont blieb, warum der wahre Charakter seines Kaiserbriefes nicht offengelegt wurde, kann und will Autor Stenzig nicht erklären. Die Quellenlage schafft kein klares Bild. Vogeler könnte durch die Familie seiner zweiten Frau Sonja Marchlewska gedeckt worden sein, auch Wilhelm Pieck wird trotz der früheren Auseinandersetzungen Sympathie für Vogeler nachgesagt. Gleichwohl bleibt es auch für Bernd Stenzig ein Rätsel, warum der so ehrliche Heinrich Vogeler, der nie jemanden täuschte, es zuließ, dass seine sozialistische Biografie mit einer falschen Darstellung des Kaiserbriefes geschönt wurde. Ob dieser so seltene Widerspruch in dem ansonsten so gradlinigen Leben Vogelers je aufgeklärt werden kann, ist zwar wünschenswert,  scheint aber eher unwahrscheinlich.
Bernd Stenzigs Recherchen zum Kaiserbrief, seine sorgsame Sichtung von allen nur erdenklichen Quellen zum Leben und Denken Heinrich Vogelers machen dieses Buch empfehlenswert.

Peter Groth