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Der Worpsweder Schriftsteller Waldemar Augustiny und sein Roman „Die große Flut”

Es ist wahr: die Protagonisten in diesem Roman, die Friesen auf der Insel Strand, handeln nach archaischen Gesetzen, wenn es darum geht, einen Mitmenschen vom Leben zum Tode zu befördern. Und ebenso ist wahr, dass sie allen Fremden und allen Außenseitern gegenüber skeptisch sind. Zudem sind sie auf die Herkunft und die Geschichte ihres Volksstammes sehr stolz und verteidigen mit Macht seine Gesetze und Lebensregeln gegen eine sich verändernde Umwelt. Aber ist es deshalb schon erlaubt, dem Autor zu unterstellen, er gehöre zu denen, „die sich weit mehr an den Menschen verachtenden Zielen des Nationalsozialismus orientiert haben, als an denen der Humanität, Völkerversöhnung und der Achtung vor der Würde des Andersdenkenden”.

In seinem Buch zum Thema „Worpswede im Dritten Reich” behauptet Ferdinand Krogmann, Augustiny habe sich in seinem Buch als Nutznießer und Befürworter des National­sozialismus offenbart. Er, Krogmann, fühle sich verpflichtet, mit seiner Forschung dem Verhalten der Mitläufer, Nutznießer, Täter und Systembefürworter auf die Spur zu kommen. Augustiny propagiere die Rassentrennung und spreche sich für eine Reinerhaltung der Rasse aus.

Nachdem ich Augustinys Buch gelesen habe, komme ich zu anderen Ergebnissen. Er beschreibt ein mittelalterliches Gesellschaftsgefüge, das Charakteristiken aufweist, die auch in heutigen Gesellschaften noch immer vorkommen. Er beschreibt die Menschen dieser Gesellschaft auf der Insel Strand mit Nachsicht für Ihre Absonderlichkeiten, aber bewertet nicht. Allein wie er die prekäre Existenz der Außenseiterin Gölin im Verlauf dieser Chronik beschreibt, verweist für mich auf ein Denken über Menschen, das mit dem Geist der Nationalsozialisten nichts gemein hat.

Gölin tritt in die Geschichte ein, als Aggi Aggisen, Sohn eines der friesischen Patriarchen, sie beim Bad am Strand überrascht. Aggi meint einen kurzen romantischen Augenblick lang eine Meerjungfrau zu erkennen: „Die Meerjungfrau kroch auf die Sandbank herauf, lag da im warmen Schimmer ihres Leibes und blickte, wie es vordem der Seehund getan hatte, auf Aggi”.

Augustiny mag diese Randfigur in seinem Roman. Sie ist eine schöne Frau. Für die friesischen Männer auf der Insel Strand wird sie im Verlauf der Ereignisse fast so etwas wie ein Mahnmal gegen die eigene Verführbarkeit. Aggi erlebt das modellhaft in dieser Szene. Golin fordert Aggi auf, seinen Blick abzuwenden, während sie sich anzieht.

Aber er blinzelt dann doch ein bisschen: „Nie hatte er die Nacktheit des Weibes gesehen, und diese war blendend wie das Mittagslicht”. Aggi, streng erzogener Sohn des Oberhauptes des friesischen Patriarchen Laurenz Aggisen, überfallen Gefühle und Begierden, die er bis dahin nicht an sich erlebt hatte. Er spürt in diesem Moment, dass diese schöne Frau zu einer Gefahr für ihn werden könnte. Wenn Gölin im Verlauf der nachfolgenden Ereignisse gelegentlich in den Vordergrund rückt, beschreibt der Erzähler Augustiny sie und ihr kleines beschwerliches Leben am Rande der stolzen Friesengesellschaft in einer Sprache der Annahme. Er grenzt Gölin nicht aus und wertet sie menschlich nicht ab. Im Gegenteil. Er beschreibt, wie sie mit ihrem Handeln bei den Menschen in ihrer Umgebung oft eine seltsame Anziehungskraft ausübt. An einer Stelle heißt es: Sie ist ein „starker Mensch, der den Raum um sich füllte bis in die Ecken und Winkel hinein”. Nicht weniger wohlwollend beschreibt er die Rolle der Holländer auf der Insel Strand damals. In der Wahrnehmung der Friesen sind sie die Fremden, vor deren unguten Einflüssen auf ihre Gesellschaft sie sich fürchten. Die Holländer auf Strand sind Menschen von heiterer Lebensart und kompetente Deichbauer. Laurenz Aggisen formuliert es so: „Wir haben mithilfe der Fremden unser Land erhalten und neues hinzugewonnenen. Die Rechnung ist aufgegangen… Aber die Fremden, es ist wahr, sind einem Gift vergleichbar, weil sie so zahlreich sind… Wenn Sie unsere Sitten zerstören, unsere Gesetze missachten, an unseren Töchtern sich vergreifen, so werden wir selber das Gift ausbrennen ...”. Und umgekehrt: Wenn die Töchter der Friesen sich mit den Söhnen fremder Länder einlassen, werden sie bestraft, wie die Väter und Vorväter es gelehrt haben: „Sie banden sie und stießen sie in die Flut”. Die Gesetze der alten Friesen auf Strand sind grausam und unmenschlich, „in grauer Zeit… gestiftet und weiter vererbt” und angewandt im Glauben, dass sie von Gott waren. Wer dagegen verstößt, wird bestraft.

Denn nichts fürchten die Friesen auf Strand mehr, als dass Gott in seinem Zorn über ein unzüchtiges Leben die Insel im Meer versinken ließe. Außenseiter und Fremde könnten sie dazu verführen wie beispielsweise der elegante Deichbaumeister Allert Geelvinck; er hat in Leiden studiert, ist gebildet, spricht Französisch und entzückt die höheren Damen auf Strand durch seinen Gesang zum Cembalospiel. Tatsächlich passiert es dann, dass Ellin, die Tochter von Laurenz Aggisen, seit dem Tod der Mutter Herrin im Hause ihres Vaters, bestimmt von den strengen Lebensregeln der Friesen und in ihrem Wesen eher abweisend, sich in ihn verliebt. Eines Nachts öffnet sie ihm das Fenster zu ihrer Kammer und die Geschichte nimmt einen dramatischen Verlauf. Nicht lange danach muss Ellin ihrem Vater offenbaren, dass sie schwanger ist. – Laurenz Aggisen weiß in dieser Situation, was die Gesetze seiner Väter von ihm erwarten: er führt seine geliebte Tochter stumm zum tiefen Wasser. Mit einem Stein beschwert versinkt sie in den Fluten.

Waldemar Augustiny, Foto: Volkert Augustiny

Ich habe in den späten sechziger Jahren, wenn ich während der Semesterferien in Worpswede war, Augustiny als Nachbarn erlebt und wenn es sich ergab, mit ihm gesprochen. Er interessierte mich als Nachbar und Mensch und bei allem, was ich von ihm in diesen Gesprächen erfuhr, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, bei ihm eine Nähe zum Nationalsozialismus zu vermuten. Ich war damals Soziologie-Student an der Freien Universität in Berlin und bestimmt nicht naiv bei der Einschätzung, ob Menschen der Elterngeneration, mit denen ich damals über die aktuellen res publica redete, Nazis oder wenigstens Mitläufer waren. Über Krogmanns Urteil jetzt war ich deshalb verwundert. Um zu überprüfen, ob ich zu dem gleichen Urteil komme, habe ich das Buch mit seinen beinahe 500 eng bedruckten Seiten gelesen.

Bei mir entstand zunehmend die Frage, ob wirklich die Wahrheitsfindung das oberste Ziel von Krogmanns „Forschung” war oder nicht vielmehr sein Bestreben, sich als investigativer Autor zu profilieren, ungeachtet der Folge, dass er damit das gesellschaftliche Ansehen eines Menschen zerstört. Und auch: ob er sich selbst an den Zielen orientiert, die er in seinem Buch anderen setzt: Humanität, Völkerver-söhnung und Würde der Andersdenkenden. Ist nicht am Ende vielleicht Augustiny mit seiner Sympathie für die lebensfrohen und tüchtigen holländischen Deichbauer, mit seinem Respekt gegenüber dem traditionsversessenen und engherzigen Friesenoberhaupt und mit seiner verständnisvollen Beschreibung der Außenseiterin Gölin den Krogmannzielen näher gekommen, als Krogmann in seinem eigenen Buch Augustiny gegenüber?

Denkbar ist, dass Augustiny seinen Lesern anhand eines Gleichnisses vermitteln wollte, welche fatalen Folgen der Fremdenhass nach sich zieht. Der Umgang der Friesen mit den fachlich qualifizierten, lebensbegabten und fortschrittsorientierten holländischen Deichbauern ist vergleichbar mit der Beziehung zwischen den von ihrem „arischen” Wertehimmel geleiteten tumben Nazis und den gebildeten und kulturvollen deutschen Juden. Aus der Art und Weise, wie Augustiny als Chronist die Beziehungen zwischen Friesen und Holländern auf der Insel Strand beschreibt, kann ich jedenfalls nicht entnehmen, dass seine Sympathien bei den Friesen sind oder dass er sich gar mit deren Äußerungen zum Umgang mit den Fremden identifiziert. Er will den Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht werden.

Die Begriffe „Rassenreinheit” oder „Reinerhaltung der Rasse” habe ich in dem Buch nicht gefunden. Mit seiner Chronisten-Erzählweise gelingt es Augustiny im übrigen auch, glaubwürdige Bilder vom Leben in der Zeit des 30jährigen Kriegs zu vermitteln. Denn was er schreibt basiert auf Recherchen, die er in Archiven seiner Heimat Nordfriesland gemacht hat. Man kann sich gelegentlich an der etwas altertümlichen Sprache stören. Ich finde sie passend zu Zeit und Ort der Erzählung. Es kostet nicht viel Denkanstrengung, um zu erkennen, dass manche Probleme und Themen in Gesellschaft und Politik, mit denen wir uns heute befassen, nur Varianten dessen sind, was die Menschen in diesem Roman bewegt. Die Fremden bei den Strandingern sind in unserer heutigen bundesrepublikanischen Gesellschaft die Migranten.

Und die Ängste, die deren Erscheinen bei vielen heute wecken, unterscheiden sich nur in Nuancen von den Ängsten der Strandinger vor den Holländern. Insofern sind die Gedanken Augustinys sogar von überdauernder Aktualität. Die Strandinger trifft am Ende ein schweres Schicksal. Trotz der Anstrengungen, der Friesen, ein gottgefälliges Leben zu führen und trotz aller Mühen der Holländer bei der Befestigung der Deiche, überspült eine Jahrhundertsturmflut die Insel und sie versinkt zu großen Teilen im Meer. Viele Strandinger kommen in den Fluten um, auch der um Friesenehre und -gesetze so besorgte Laurenz Aggisen. Einige wenige können sich auf das Festland retten. Gölin trifft es schon vor dem großen Sturm. Sie erfährt, was einer starken Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft oft blüht: als kurz vor dem Ende des Deichbaus eine abschließende Baumaßnahme missglückt, erklären die friesischen Oberen sie zur Hexe und beschuldigen sie, das Unglück ausgelöst zu haben. Damit ist ihr Schicksal besiegelt. Auf Strand bedeutet das: Sie wird in die noch offene Baugrube gestoßen und dort bereiten nachfließendes Wasser, Schutt und Sand ihrem Leben ein qualvolles Ende. Das Motiv der Friesen ist nicht rassische Überheblichkeit, sondern die Angst vor Fremden und Außenseitern.

Jens Hager-van der Laan, Juni 2015