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Anke Ehlers

Die letzten Tage des Krieges

Dieser lange Bericht der Schriftstellerin Anke Ehlers von den Geschehnissen in Worpswede während der letzten Tages des Zweiten Weltkrieges ist einzigartig. Ausführlich erzählt die Autorin aus der Sicht ihrer Familie von den Kampfhandlungen und dem Zusammenbruch des herrschenden Systems und dem Beginn einer neuen Ordnung.
Der Text ist bisher unveröffentlicht.

In der Nacht vom 4. zum 5. April 1945 wurde in Worpswede der Volkssturm alarmiert. Südlich von Bremen rückte die Front vor. Autho (so nannte Anke Ehlers ihren Mann Otto Meier) bekam den Bescheid erst morgens im Betrieb (er war damals dienstverpflichtet bei Cetto), er holte mich aus dem Bett. Für drei Tage Proviant sollte er mitnehmen, und es war kaum Butter und nur ein Knust Brot im Haus, da es gerade die letzte Woche der Lebensmittelzuteilung war. Ich buk in aller Hast von den letzten zwei Eiern ein paar Pfannkuchen, aber Autho mahm sich nicht die Zeit, darauf zu warten, er zog ab. Ziemlich verstört sah ich hinter ihm her, wie er die Schneise hinaufging.
Wir schafften mit einiger Eile die große Zinkkiste vom Boden und gruben sie im „Sauerland" mit Wäsche, Kleidern und Lebensmitteln ein, auch Authos Vasen verschwanden in der Erde. Ehe wir den Sand darüber schaufelten hatte ich stark das Bedürfnis Blümchen in die Kuhle zu streuen, wie man es bei Beerdigungen zu tun pflegt...
Inzwischen war Autho zum Mittagessen gekommen, der Volkssturm war untätig im Gasthof „Stadt Altona" versammelt, auch zum Abendbrot kam er, und nachdem er nachts einige Stunden in Böttchers Scheune auf einem Lattenwagen kampiert hatte, konnte er auch nach Hause gehen.

Die Autorin mit ihren Kindern Frauke und Irma (Diechen), 1942. Foto: privat

Über Ostern, am 1.4., war Diechen (Tochter Irma) aus Wunstorf auf Urlaub gekommen, sie hätte eigentlich Dienstag nach dem Fest zurückfahren müssen. Wir überredeten sie, einen Tag wenigstens noch zu warten, da wir hofften durch Radionachrichten über den Stand der Dinge Überblick zu gewinnen. Der amerikanische Vormarsch näherte sich von Süden her dem Teutoburger Wald, der englische von Westen her über Meppen, – Osnabrück war bereits gefallen. Diechen fuhr also einen Tag später, am 4.4. in der Frühe, ich hielt es für reinen Wahnsinn, aber ihr Verantwortungsgefühl war stärker, sie war nicht umsonst in die preußische Schule gegangen. Für alle Fälle nahm sie ihr Rad mit – und sie kam damit um 9 Uhr schon wieder zurück. Der Zug fuhr nur noch bis Verden. Hartnäckig, wie sie ist, gab sie ihre Reise aber noch nicht auf, sondern radelte nun nach Oyten zu Frauke (Schwester), um von Achim aus den Mittagszug nach Hannover zu erreichen. Glücklicherweise redete man in Fraukes Flakstellung diese Absicht gründlich aus. Soldaten, die mit Munition nach Hannover unterwegs waren, bestätigten ihr ebenfalls die Unmöglichkeit, dorthin zu kommen – also kehrte Diechen gegen Abend im Wagen des Kommandeurs nach Hause zurück. Ich war grenzenlos erleichtert, sie jedoch ziemlich bedrückt in Gedanken an ihre Sachen, Kleider, Briefe, Fotos, die in Wunstorf geblieben waren, und die sie natürlich nun verloren geben mußte. Frauke ließ mir durch Diechen versichern, dass sie ebenfalls sofort kommen würde, wenn die Sache brenzlig würde. Ich machte meinen „Kriegseinsatz" weiter und ging zum Kaufhaus Bullwinkel zum Markenkleben, es war ungemütlich, dauernd Fliegeralarm, aber in der Aufregung über die heranrückende Front achtete man weniger darauf als sonst. Autho war zunächst vom Volkssturmdienst befreit, da er die Wache im Betrieb übernommen hatte. Die ersten Panzerspitzen sollten schon nahe bei Bremen sein, niemand konnte sich eine Vorstellung machen, was nun eigentlich geschehen würde, vielmehr wie die Geschehnisse abrollen würden. Es schien mir höchst bedenklich, dass Diechen noch nach Bremen mußte, um sich auf dem Lloydbahnhof ihren militärischen Entlassungsschein zu holen, ohne den man hier – Bürokratismus bis zum Ende – keine Lebensmittelkarten ausliefern wollte. Wegen Fliegeralarm blieb der Zug in Lilienthal stecken, Diechen mußte zu Fuß zurück, sie borgte sich dann ein Rad, um zum Wehrkreiskommando nach Oberneuland zu fahren, wo sie endlich den erforderlichen Stempel bekam.
Am nächsten Tag, einem Sonntag, erschien Frauke mit hochbepacktem Rad, allerdings noch nicht endgültig. Sie brachte Schallplatten mit, ergattert aus einem in Auflösung begriffenen Schallplattenarchiv der Wehrmacht – es ist das einzige, was uns der Krieg eingebracht hat und ausgerechnet Bach- und Mozartmusik. – Wir verlebten einen schönen ruhevollen Konzertnachmittag. Vierundzwanzig Stunden später schickte man dann Frauke endgültig nach Hause. Sie hatte nachts verschiedene Weserdörfer brennen sehen.
Inzwischen hatte im Dorf die Jagd nach Lebensmitteln begonnen, in allen Läden war ein fürchterliches Gedränge, und was wir während des ganzen Krieges nicht gekannt hatten, das Schlangestehen auf den Straßen. Die Tausende von Flüchtlingen aus Ostpreußen beherrschten das Feld. Als dann in den nächsten Tagen die Vorratsläger geöffnet und Mehl, Zucker, Reis, Butter und Fleisch an die Bevölkerung verteilt wurden, nahm das Rennen nach Futter groteske Formen an. Das ganze Dorf war auf den Beinen mit Säcken und Kissenbezügen. Soviel Vorräte auf einmal hatten wir seit Jahren nicht, in unserem Haushalt überhaupt noch nie gehabt. In allen Häusern wurde so gut gegessen wie schon lange nicht mehr. Viele Soldatentransporte durchzogen das Dorf, auf den großen Höfen gab es Einquartierung, eine Hochzeitsstimmung herrschte, abend sah man nur Soldaten mit Mädchen. Merkwürdig waren die durchziehenden Züge mit Kriegsgefangenen, Russen, Italiener, sie schienen von weit her zu kommen, manche hinkten ganz allein müde weit hinter dem Tross die Landstraße entlang. Schließlich spielte sich der größte Teil dieses Straßenverkehrs nur noch nachts ab, da tagsüber die Tiefflieger die Straßen bestrichen. Alle Augenblicke war von irgend einer Seite das Knattern der Maschinengewehre und das Schießen der Bordkanonen zu hören. Nur ungern ließ ich die Kinder ins Dorf gehen. Ich erlebte auf der Lindenallee zwei Tiefflieger, die dicht über den Berg flogen, die dortige Flakstellung beschossen und die Gegend am Bahnhof; sie tauchten ein paarmal auf und ab, flogen bis über die Lindenallee und von da wieder zurück. Ich stand zuerst hinter einem Baum, es war sonderbar: so nah die unmittelbare Gefahr, schließlich lief ich in Arstes Haus. Kaum war ich bis Schulken gekommen, hörte ich die Flieger von neuem. Ich ging dann ins Werk zu Autho, um zu sehen, ob ihm nichts passiert war, ich hatte richtig Angst unterwegs, denn immer war das Motorengeräusch zu hören. Am gleichen Abend warfen sechs Bomber einen Teppich Splitterbomben über den Schützenplatz, wo eine Funkstation aufgebaut war. Ich war gerade wieder an der Lindenallee als die Ladung herabrauschte. Man wartete. Jeder hatte nur den einen Gedanken, dass das Unvermeidliche nur schnell über uns hinweggehen möchte, es ging allen viel zu langsam. Wir hatten die Vorstellung, dass wir gleichzeitig mit Bremen „drankommen" würden. Die Männer des Volkssturms waren sich untereinander einig, nicht zu schießen. Autho war vom Wachtdienst usw. befreit, weil er für die Arbeit im Betrieb reklamiert war, er brachte täglich die gewohnte Zeit dort zu. – Wir wirtschafteten im Haus wie sonst, es gab große Wäsche und mittags lagen wir im Liegestuhl in der Sonne. Wenn das Motorengeräusch der Tiefflieger zu nahe kam, standen wir auf, aber die Kinder auch nicht immer. Wir sahen hoch, wenn sie über uns hinwegflogen, tranken auf der Loggia Tee und nähten an unseren Sommerkleidern. Es gab keinen Strom mehr, also auch keine Radionachrichten. Goldygas hatten hatten jedoch Anschluß an die Lichtanlage im Logierhaus, das von der Wehrmacht besetzt war. Autho lief abends immer hin, um zu erfahren, was es gab. Was Bremen betraf, so brauchten wir bald kein Radio mehr, um zu wissen, dass der Angriff begann. Das Haus schütterte und klapperte vom Schießen der feindlichen und er eigenen Artillerie. Wir legten uns nur halb ausgezogen zu Bett, – in gewissen Abständen summte immer wieder ein Flugzeug heran und warf eine Bombe ab, wahrscheinlich auf die nächste deutsche Geschützstellung. In der nächsten Nacht steigerte sich der feindliche Beschuß zu einem unaufhörlichem Trommelfeuer, es setzte abend gegen neun Uhr ein und dauerte ununterbrochen bis gegen sechs Uhr morgens. Autho hatte gerade an diesem Abend Volkssturmwache. Wir zogen uns für den Bunker an, zwei Kleider übereinander und Skihosen. Frau Will mit den drei Kindern tauchte in den Bunker hinunter, Frau Hapke mit der Oma und dem kleinen, kranken Jungen bezog die Küche. Wir gingen zumeist draußen herum, buddelten auch im Mondschein noch einen Waschkessel mit Schallplatten und Lebensmitteln ein. Das Schießen dröhnte furchtbar, aber doch immer in die gleiche Richtung. Autho, der um ein Uhr von der Wache zurückkam, beruhigte uns denn auch, und wir gingen schlafen, d. h. wir legten uns wenigstens hin. Um elf Uhr des nächsten Tages kapitulierte Bremen. Das erfuhren wir jedoch erst später. Niemand wusste, was eigentlich geschah, man war auf Gerüchte angewiesen. Da Hitler in Berlin sein sollte und die Stadt von den Russen immer restloser eingeschlossen wurde, setzten wir unsere Hoffnung auf seinen „Heldentod" und die anschließende Kapitulation. Viele Leute im Dorf waren der Meinung, daß wir außerhalb der Kampfgeschehnisse bleiben würden, nachdem Bremen genommen worden war. Von Fliegern wurden wir jetzt verschont, was wir allerdings vielleicht dem schlechten Wetter zu verdanken hatten. Es regnete und war grau und neblig. Auf der Straße vollzog sich immer deutlicher der Rückzug, eine geschlagene Armee in Auflösung. Lastwagen, Pferdewagen, Motorräder Geschütze, Trecker, das rollte, ratterte, dröhnte Tag und Nacht auf der Straße vorbei, todmüde Männer sanken bei den Bauern für eine Nacht ins Stroh, nachdem sie ihren Wagen in die Diele gesteuert hatten. Andere wieder hörte ich auf zottelndem Trosswagen so gemütlich singen, als sei ihnen der Frieden schon geschenkt. Dann rollten im Dunkel der Nacht einige Panzer vorbei. Es klang schreckenerregend, doppelt weil das Auge nicht sah, welche Gestalt zu diesem stampfenden, klirrenden Geräusch gehörte, so entstand in der Einbildung ein unförmiges, vielgliedriges, eisenrasselndes Ungetüm, das sich durch die Finsternis da draußen wälzte, als wäre es das Untier des Krieges in eigener Gestalt.
Die Front zog sich bei uns nach Osten und Norden zu, es wurde immer deutlicher, dass wir wie die Katze im Sack saßen. Das Rummeln der Geschütze klang nun schon in unserem Rücken, und immer noch steigerte sich der aufregende Durchmarsch von Militär. Im Dorf waren Nebelwerfergeschütze aufgefahren, sie fingen an zu feuern. Es schien, daß ein Hauptmann, den der Kriegszufall mit einem Trüppchen Soldaten gerade an unserem Ort eingesetzt hatte, seine letzten Kriegslorbeeren am Weyerberg pflücken wollte, vielleicht sollte er auch den Rückzug der nach Norden fliehenden Truppen decken. Jedenfalls wurde dadurch das Künstlerdorf ein militärisch wichtiger Punkt. Sonntagnacht am letzten Kriegswochenend, 30. April, begann die Beschießung unseres Dorfes. Beim ersten Einschlag fuhren wir hoch aus den Betten und in unsere Kleider. Unsere Matratzen hatten wir ohnedies vorsichtshalber schon unten im Zimmer aufgeschlagen. Bei den nächsen Einschlägen saßen wir schon im Erdloch, zu achten, so dicht gedrängt, daß ich nach kürzester Zeit Herzbeklemmung bekam und alle in Aufregung brachte, weil ich trotz der Schießerei hinaus wollte. Es wurde auch den anderen klar, dass wir unmöglich längere Zeit in dieser Enge aushalten könnten, so rafften wir unsere Decken und zwei Handköfferchen auf und entschlossen uns, Hals über Kopf zu Meyerdierks hinüberzulaufen. Sie hatten uns vorher angeboten, daß wir in ihren Keller kommen könnten. Bei diesem Wettrennen mit der ersten Salve hatte ich Angst, richtig abscheuliche Angst. Die Knie wurden mir weich und der Gaumen trocken. Frauke fasste meine Hand und zog mich mit. Auf der Straße liefen wir an rollenden Trosswagen und Soldaten vorbei, sie schwankten schattenhaft in der Dunkelheit. Eine Männerstimme rief uns an, gutmütig spottend, wohin wir denn so eilig wollten, es wäre ja schon alles vorbei.
Wir rasten um das Meyerdierksche Haus herum in den Kellereingang. Gleich an der Hoftreppe war unerwarteter Betrieb. Die ganze Nachbarschaft einschließlich der Flüchtlingsfamilien hatten sich schon hierher geflüchtet. Wir drängten uns durch. Frau Meyerdierks, geschäftig wie ein Wiesel, sorgte für Platz, es wurden Stühle aus der Wohnung geschleppt, schließlich saß jeder, ich auf einem Holzstapel im Kohlenkeller in Gesellschaft einer vielköpfigen Familie aus dem Haus jenseits der Straße. Eine lungenkranke Frau lag in einem Korbsessel, eine klapprige alte Oma ausgestreckt in einem Liegestuhl, daneben hockte ein Blöder, dann waren verschiedene Frauen und Mädchen da, sowie zahlreiche Kinder, außerdem ein Freier von einem Mädchen und Martin, der einzige legale Mann der Familie.

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