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Helmut Schmidt und Worpswede

Ein lebenslanges Band der Freundschaft

 

Worpswede und Fischerhude – diese Orte und ihre Künstler haben im Leben des Politikers Helmut Schmidt von früher Jugend an eine besondere Rolle gespielt. Der am 10. November 2015 verstorbene ehemalige Bundeskanzler fand in Fischerhude Freunde, teilte mit ihnen die Bewunderung für die Gründergeneration der Worpsweder Künstlerkolonie und da insbesondere für die Kunst von Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn. Diese Sympathie fand ihren Ausdruck zum einen in diversen Worpswede-Besuchen und zum anderen in der Tatsache, dass Schmidt in seiner Zeit als Bundeskanzler von 1974 bis 1982 in seinem Bonner Amtssitz ein Worpswede-Zimmer einrichten und eine große Sonderausstellung mit Worpsweder Kunst organisieren ließ.

Das Interesse an der Künstlerkolonie wurde bei Helmut Schmidt schon in der Schulzeit geweckt. Als 14-, 15-Jähriger, so erinnerte sich der Hamburger Politiker im Alter, habe er im Kunst- und Zeichenunterricht zum ersten Mal von Worpswede gehört. Die dort entstandenen Bilder habe er damals als den Gipfel der Bildenden Kunst empfunden. Das Suchende, die Bereitschaft der ersten Maler, sich aus allen Konventionen zu lösen, habe ihm besonders gefallen. „Worpswede strahlte Ruhe aus und Einfachheit, eine Farbenpracht, wie sie sich in den Bildern widerspiegelt, die wir hier sehen, Und die Maler haben ihre innere Kraft, ihre Ausgewogenheit aus der Natur geschöpft“, erläuterte Helmut Schmidt seine Vorliebe in der am 12. Februar 1980 gehaltenen Eröffnungsrede für die große Worpswede-Ausstellung im Bundeskanzleramt, die dort nach einer Henry Moore-Präsentation und vor einer Max Ernst-Schau zwei Monate lang gezeigt wurde.

Jahrzehnte zuvor ermöglichten die im Nachherein von ihm als glücklich empfundene Umstände der militärischen Grundausbildung in Bremen-Vegesack den vertiefenden Zugang zur Worpsweder Kunst. Schmidt verbrachte um 1937 seine freien Wochenenden bei einem in Fischerhude lebenden Onkel, lernte dort Otto Modersohn, dessen Familie, die Breling-Töchter, Olga, Mietje und Cato Bontjes van Beek kennen. Fischerhude – das war für Schmidt eine geistige Oase in der Nazi-Zeit. Hier wuchs sein Verständnis für die Worpsweder Kunst, die ihn wie auch die Fischerhuder Freundschaften insbesondere zu Olga Bontjes van Beek und zu Christian Modersohn ein Leben lang begleitete. Ein halbes Jahr vor seinem Tod, um Ostern 2015, hat Helmut Schmidt Fischerhude und die Familie Modersohn zuletzt besucht.

Zwar entwickelte Helmut Schmidt nach 1945 eine große Zuneigung zur expressionistischen Kunst und zu den Werken der in der Nazi-Zeit verfemten Künstler, schwärmte für Emil Nolde, Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, doch die Worpsweder gerieten nie aus seinem Blickfeld. Diese nie erloschene Zuneigung manifestierte sich in Besuchen diverser Worpswede-Ausstellungen und in den von ihm initiierten Präsentationen der Künstlerkolonie während seiner Kanzlerschaft in seinem Amtssitz.

Hans-Herman Rief führt Helmut Schmidt durch die Bonner Ausstellung. Rechts Werner Rohde

Als das 90-jährige Bestehen des Künstlerdorfes im Oktober 1973 mit einer von Hans-Herman Rief und Friedrich Netzel kuratierten Ausstellung in der Niedersächsischen Landesvertretung am Rhein gefeiert wurde, war der damalige Bundesfinanzminister Schmidt selbstverständlich Gast der Eröffnung.

In der Worpsweder Kunsthalle, links Fritz Netzel, Mitte Christian Modersohn. Foto: Peter Elze

Vier Jahre später, im Juli 1977, übernahm er schon als Bundeskanzler die Schirmherrschaft für eine Otto Modersohn-Ausstellung in der Worpsweder Kunsthalle, kam mit Ehefrau Loki aus dem Urlaub zur Vernissage im Hause Netzel. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schmidt in Bonn schon das neue Bundeskanzleramt an der Adenauerallee bezogen, in dem die Präsentation von Kunst eine besondere Bedeutung hatte. Zwei bis drei wechselnde Ausstellungen pro Jahr und die Einrichtung von repräsentativen Künstlerräumen fallen in die Amtszeit Schmidts. Nach und nach entstanden zwischen dem Einzug 1976 bis zum Ende von Helmut Schmidts Kanzlerschaft 1982 Räume mit erlesener Kunst. Der Empfangsraum war mit Bildern Erich Heckels ausgestattet, der Speiseraum mit Schmidt-Rottluff-Werken, das Sitzungszimmer für die „kleine Lage“ mit Bildern von August Macke. Der Kabinettssaal war mit Bildern der Künstlergruppe „Blauen Reiter“ bestückt, Bilder Emil Noldes zierten das Kanzlerbüro. Im Februar 1980  kamen dann die Worpsweder ins Bundeskanzleramt. Für deren Exponate hatte Helmut Schmidt sein Vorzimmer ausgewählt, in dem er seine persönlichen Gäste empfing.

Helmut Schmidt und Christian Modersohn bei der Einrichtung des Worpswede-Zimmers. Foto: Peter Elze

Mit der Ausstattung wurden seinerzeit Christian Modersohn, Hans-Georg Müller und Peter Elze beauftragt. Modersohn und Elze wählten als Leihgaben aus Worpsweder und Fischerhuder Privatbesitz jeweils ein Ölbild und eine Grafik von Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende, Heinrich Vogeler und Paula Modersohn-Becker aus und ergänzten diese repräsentative Zusammenstellung um zwei Büsten von Clara Rilke-Westhoff. Und Hans-Georg Müller lieferte die Worpsweder Möbel dazu. 

Einweihung des Worpswede-Zimmers, Foto: Peter Elze

Parallel zur Einweihung des Worpswede-Zimmers  wurde am 12. Februar 1980 von Helmut Schmidt eine Sonderausstellung mit Bildern aus der norddeutschen Künstlerkolonie eröffnet, die dem Kanzleramt aus den Beständen der Kunsthalle Bremen zur Verfügung gestellt wurde. 

Diese geballte Präsenz Worpsweder Kunst, die seinerzeit eine bundesweite Medienresonanz fand, muss bei den Mitarbeitern des Bundeskanzlers so viel Eindruck gemacht haben, dass schon im Herbst 1981 ein weiterer Auftrag nach Worpswede vergeben wurde. Für ein Kriseninterventionszentrum im Kanzleramt bestellte der Chef des Amtes bei Peter Elze sechs Worpsweder Grafiken, die dort gerahmt in eine Holzwand eingepasst wurden.

Mit dem Abschied Helmut Schmidts und der Übernahme der Kanzlerschaft durch Helmut Kohl 1982 waren die „goldenen Worpsweder Zeiten“ im Bundeskanzleramt vorbei – die Bilder, Grafiken und Möbel kehrten nach Worpswede zurück. Helmut Schmidt aber war auch weiterhin den Worpswedern sehr zugetan, besuchte den Ort und seine Ausstellungshäuser. Im September 1987 kam er beispielsweise in die Worpsweder Kunsthalle, um dort letztmalig eine Ausstellung persönlich zu eröffnen. Zu sehen waren damals noch vor der Wende Bilder des der Leipziger Schule zugerechneten DDR-Künstlers Bernhard Heisig (1925-2011)  und seiner Frau, der Malerin Gudrun Brüne.  Dem Maler Heisig war Schmidt besonders verbunden: 1986 malte Heisig das obligatorische Kanzler-Bild von ihm, das heute in der Galerie der Kanzlerbilder im Berliner Regierungssitz hängt. 

Und noch einmal danach hat Helmut Schmidt deutlich gemacht, wie sehr ihm die kulturelle Entwicklung Worpswedes am Herzen lag. Als die Kirchengemeinde eine große Spendenaktion für eine neue Orgel in der Zionskirche startete, war Altkanzler Helmut Schmidt sofort bereit, die Aktion  zu unterstützen. Schmidt erwarb eine besondere Orgelpfeife des alten Instruments und schrieb ein sehr persönliches Vorwort für die Spendenbroschüre. Nicht zuletzt durch seine Unterstützung konnte die neue Worpsweder Orgel 2012 eingeweiht werden.

Diese Zuneigung für Worpswede hat Helmut Schmidt vor etlichen Jahren in einem Interview mal so beschrieben: Das Starke und das Stille, die in der Worpsweder Landschaft gleichberechtigt nebeneinander stünden, die Ruhe, Gelassenheit und Genügsamkeit der Menschen – das zusammen imponiere ihm. Vielleicht hat diese Wertschätzung Helmut Schmidt einst in seiner Amtszeit als Verteidigungsminister (1969-1972) veranlasst, dieser starken und stillen Landschaft  keinen Bombenabwurfplatz im Breddorfer Moor zuzumuten. Nach massiven, von den Freunden Worpswedes initiierten Protesten in der Region erteilt Schmidt dem von Militärs geforderten Projekt im Juni 1971 endgültig eine Absage. Helmut Schmidt war Worpswede und Fischerhude  offenkundig nicht nur als Kunstfreund wohlgesonnen.        

(pg)